Ein Leben im VIJ für Vernetzung und Begegnung – Gespräch mit Hanne Braun

Doris Köhncke, Leiterin des FIZ, im Gespräch mit Hanne Braun, seit 60 Jahren im VIJ aktiv

Liebe Hanne, Deine Mutter, Ruth Braun, war von 1958 bis 1992 Vorstandsfrau im VIJ. Wolltest Du deshalb auch beim VIJ mitmachen oder Dich lieber mal von der Mutter abgrenzen?

Hanne Braun (HB): Mich hat die Arbeit des VIJ fasziniert. Auf dem Mädchengymnasium lernte ich Französisch und Englisch, obwohl mich Altgriechisch viel mehr interessiert hätte, denn die griechische Kultur, der Humanismus und die Theologie prägten mich in meinem Umfeld. Das Griechische konnte ich dann im VIJ erleben, denn 1962 ging es im VIJ los mit den griechischen Gastarbeiterinnen, die als Pflegekräfte nach Deutschland kamen. Meine Mutter holte sie freitags im Internationalen Clubheim zusammen. Ich war 20 Jahre alt, spielte Gitarre und bastelte mit den Frauen.

Nach meinem Besuch der höheren Fachschule für Sozialarbeit in Ludwigsburg musste ich 1969 ein Praktikum machen. Das erste halbe Jahr war ich beim Sozialamt in Esslingen, das zweite Praktikum machte ich im VIJ, erstmal im Mädchenwohnheim, dann im Club, dem ich bis zum Schluss treu geblieben bin. Mit meiner Mutter hatte ich gar nicht so viel zu tun. Sie machte ihre Aufgaben in der Moserstraße, ich meine in im Internationalen Club in der Urbanstraße.

 

Und dann begann Dein Berufsleben im VIJ?

H.B.: Ja, nach dem Praktikum wurde ich im VIJ angestellt und leitete den Club. Es gab immer internationale und vor allem interkulturelle Kontakte. Wir organisierten Theaterstücke, Filmabende, Musik und begannen mit einem Deutschkurs für junge Griechinnen der zweiten Gastarbeiterinnen-Generation. Solche Deutschkurse bietet der VIJ bis heute an – wenn auch in veränderter Form.

Wir organisierten Angebote für Au-Pairs und für griechische Frauen. Wir fingen mit Beratung junger Griechen an, die beim Jugendgericht Termine hatten und später Arbeitsauflagen im Club ableisten mussten. Damit begann Jugendsozialarbeit zusammen mit den ausländischen Eltern.

Wir waren mächtig vernetzt, mit der Stadt, der Diakonie, den Migrationsdiensten, dem Jugendamt und auch dem Arbeitsamt. Ich habe immer die Vernetzung gesucht, das war mir wichtig.

Die Evangelische Frauenarbeit bot Erholungswochen für die griechischen Gastarbeiterinnen an, die der VIJ durchführte. 20 Jahre habe ich dabei mit einer griechischen Kollegin Informationen zu Rente, Gesundheit und Sexualkunde, Ernährung und Glauben angeboten. Höhepunkt war die Einladung zu einem Kaffeenachmittag mit einer Gruppe deutscher, evangelischer Frauen. Diese Begegnungen und diese Erholungswochen wurden legendär.

Ich konnte zusammen mit anderen auch einiges im Bereich Frauenpolitik und Frauenförderung auf den Weg bringen, z.B., dass Frauen und Frauengruppen bei bestimmten Veranstaltungen präsent waren, oder bei der Gründung der AG Mädchenarbeit mit der Entwicklung von Leitlinien zur Förderung von Mädchen.

 

Du bist auch dem YWCA eng verbunden (Young Women´s Christian Association – Weltbund christlicher Frauen) – wie kam das?

H.B.: Das Dritte Reich verbot alle Frauenbünde. Auch beim VIJ wurde das Gebäude enteignet, alles geschlossen und unsere Daten vernichtet. Nach dem Krieg gab es also erstmal nichts. Der VIJ begann 1949 dann (damals noch als der Verein der Freundinnen junger Mädchen) mit der Bahnhofsmission, 1952 mit dem Mädchenwohnheim und der Beratung für Au-pairs und Auswanderer sowie mit dem Club. Dafür benötigten wir dringend wieder unsere internationalen Verbindungen. Der Weltbund christlicher Frauen, der World YWCA, versuchte ebenso, seine Verbindungen in Deutschland wieder aufzunehmen. Die evangelischen Jugendverbände hatten sich aus Gründen der Co-Edukation zusammengeschlossen, und so wurden die internationalen Frauenbelange von den Evangelischen Frauen in Deutschland und dem VIJ weitergeführt. 2004 gründete sich unter der Federführung des VIJ der „German YWCA – Weltbund christlicher Frauen in Deutschland e.V.“

 

Du warst für den YWCA auch international unterwegs?

H.B.: 1979 wurde ich für acht Jahre in den Weltvorstand des YWCA gewählt und fuhr regelmäßig nach Genf zur Vorstandssitzung. Ich war im Finanzausschuss, im Ausschuss für Entwicklungspolitik und gemeinsam mit einer Inderin leitete ich den Wahl- und Nominierungs-Ausschuss. Das war eine interessante, aufregende und ermutigende Zeit. Ich lernte Frauen aus aller Welt auf vielen Welt- Konferenzen kennen. Zusammen konnten wir neue Möglichkeiten vor allem für junge Frauen schaffen. Für diese weltweiten Erfahrungen wurde ich in den Vorstand der EZE, Evangelischen Zentrale für Entwicklungshilfe, berufen und konnte dort die Sache der Frauen vertreten.

 

Wie engagierst Du Dich zur Zeit im VIJ?

H.B.: 2004, mit 62 Jahren, ging ich in Rente. Der Verein war finanziell in einer schlechten Position, denn die Finanzierung der Migrant*innen-Arbeit lief anteilig zu 50% über das Land und zu 50% über den Bund. Doch Baden-Württemberg kürzte auf 30%, was der Bund noch akzeptierte, aber dann wollte Ministerpräsident Teufel nur noch 25% geben und damit stieg der Bund aus. 118.000 Euro fehlten uns! Ich und eine Kollegin konnten damals mit vollem Rentenbezug in Rente gehen und taten dies, um den Verein zu entlasten. Wir machten dann ehrenamtlich weiter.

Zur Zeit engagiere ich mich noch in der Betreuung der Mitglieder, z.B. mit Geburtstagsgrüßen, und im Knüpfen von Beziehungen, mit Catering, beim Organisieren des Kleiderverkaufs oder sonst mit praktischem Anpacken, wenn Not an der Frau ist.

 

Was ist für Dich das Besondere am VIJ?

H.B.: Das Motto des VIJ war ja: Du hast eine Freundin in der weiten Welt. Das hat mich schon immer fasziniert. Du kommst in Indien am Flughafen an, blickst in 3.000 Gesichter, jeder will Dir Deinen Koffer tragen helfen – und wo sollst du jetzt hin? Aber Du weißt, dass irgendwo eine Frau mit YWCA-Wimpel steht und Dich erwartet. Du hast es gut, Du hast eine Freundin überall!

Das Besondere am VIJ ist für mich die Vernetzung mit Frauen und Institutionen, die wirklich funktioniert – lokal, regional, bundesweit und international. Mir war die grenzübergreifende Sozialarbeit für Frauen immer wichtig – das hätten wir noch viel mehr tun müssen, z.B. zur Mitgliederversammlung mal eine Französin oder Schweizerin einladen … oder Englisch-Kurse anbieten und dann mit den Teilnehmerinnen in ein Land fahren, wo sie Englisch sprechen müssen und den weiten Horizont erleben …. Ich hatte so viele beeindruckende Begegnungen mit Frauen aus aller Welt, das würde ich vielen anderen auch gönnen!

 

Was wünscht Du dem VIJ?

H.B.: Ich wünsche dem VIJ, dass er seinen Zielen treu bleibt und sie immer wieder erneuert: Menschen, insbesondere Frauen, in ein gleichberechtigtes, menschenwürdiges Leben zu begleiten. Empowerment nennt man das heute!

 

Danke, liebe Hanne, für das Gespräch!